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Gitarrenunterricht in Frankfurt

Dipl.-Gitarrenlehrer Stephan Zitzmann

Muskelinsuffizienz, Verstoß gegen die Ideallinie – „Moderne Gitarrentechnik“ von Thomas Ottermann

Mir ist Das Buch „Moderne Gitarrentechnik“ von Thomas Ottermann in die Hände geraten. Thomas Ottermann versucht eine Gitarrentechnik auf Grund von physiologischen Erkenntnissen zu begründen.

Vorab muss ich sagen, ich mag den Grundduktus des Buches nicht. Der Duktus erinnert mich an Menschen, die ein Problem für sich gelöst haben und versuchen mit dieser Lösung den Rest der Menschheit zu retten. Dabei wird eine Größe des Problems behauptet, die so real nicht existiert. Überdramatisierung dachte ich mir des Öfteren.

Grundsätzlich waren mir die Sachen, die Ottermann schreibt nicht unbekannt. Mein erster Gitarrenlehrer war auch an Physiologie interessiert. In meinem Studium gab es eine Vorlesung über „Physiologie für Gitarristen“. Leider gab es für uns kaum verschriftlichtes Material.

Die Vorlesung stand aber in gewisser Weise in einem Widerspruch zu Thomas Ottermann. Die Frage ist, wie schädlich ist die Abweichung vom physiologisch Optimalen?

Ich möchte diese Diskrepanz mit dieser Grafik darstellen.

Unser Musikmedizinprofessor hielt den Körper für unempfindlicher.

Auf Seite 24 heißt es bei Offermann:

„Optimale Kraft können die Flexoren in den Fingern nur bei leicht überstrecktem Handgelenk entfalten. Anschlags- oder Greifbewegungen bei gebeugtem Handgelenk sind nicht nur ausgesprochen ineffizient, sondern können auch zu Überlastungsschäden führen (siehe die Kapitel ‚Sehnen‘ und ‚Sehnenscheiden‘ sowie den im Handgelenk ‚Karpaltunnel‘). Eine Faust wird ausschließlich mit überstrecktem Handgelenk schlossen; gestreckte Finger erreichen wir am leichtesten bei gebeugtem Handgelenk.“

Da ich gerade neue Fahrradgriffe montierte, dachte ich mir, vielleicht ist das kräftige Umfassen der Griffe eine Möglichkeit herauszufinden, wie ich die Griffe montieren muss, weil in der Montageanleitung auch von einem leicht überstreckten Handgelenk gesprochen wurde.

Zu meiner großen Überraschung war mein Handgelenk nicht überstreckt, sondern gerade. Also probierte ich aus verschiedene Gegenstände auf verschiedene Arten und Weisen zu um(greifen). Je nach Gegenstand und Greifweise veränderte sich die Stellung des Handgelenks.

Wesentlich interessanter fand ich, dass mein Handgelenk eigentlich seine Stellung ab einem Kraftaufwand aufnahm, der weit über dem liegt, was ich beim Gitarrenspielen aufwende.

Ich fragte mich, was bedeutet „optimale Kraft“?

Bedeutet das,

  1. dass man je nach Handgelenksstellung unterschiedlich viel Energie aufwenden muss, um die gleiche resultierende Kraft an der Fingerkuppe zu erhalten?
  2. dass die zur Verfügung stehende Maximalkraft für die Finger je nach Stellung des Handgelenks und der Restfinger variiert?

Aber man kann ja in Büchern nachsehen. Ich fand in „Funktionelle Anatomie – Topographie und Funktion des Bewegungssystems“ von Michael Schünke auf Seite 90:

„Die Hubhöhe (maximale Verkürzung) eines Muskels ist abhängig von der Ausgangslänge der Muskelfasern und vom Fiederungswinkel. Beim Vergleich der Sarkomerlänge eines stark gedehnten Muskels (ca. 3.6um) mit der Länge eines Sarkomers nach maximaler Verkürzung (ca. 1,5μm) errechnet sich eine theoretische Verkürzung des Muskels von etwa 60%. Unter physiologischen Bedingungen wird jedoch nur eine etwa 40%ige Verkürzung erreicht, da die Dehnbarkeit und das Ausmaß der Verkürzung häufig eingeschränkt sind (Kap. 4.7.3. Aktive und passive Muskelinsuffizienz). Bei mittlerer Dehnung, d. h. bei optimaler Überlappung der Aktin- und Myosinfilamente, entwickelt ein Muskel die stärkste Kontraktionskraft. Aus diesem Grund führt eine mäßige Vordehnung der Muskeln zu einer starken Kraftentwicklung. Andererseits nimmt die Kraft eines Muskels nach starker Verkürzung deutlich ab.“

Dagegen stelle ich ein Zitat von Thomas Offermann auf Seite 23:

„Muskeln, die mehrere Gelenke bewegen, zum Beispiel die langen Fingermuskeln, können daher nicht oder nur schlecht alle Gelenke gleichzeitig bewegen. Eine gleichzeitige Beugung von Handgelenk und Fingern beeinträchtigt die Kraft der Flexoren enorm. Man spricht dabei von einer »aktiven Muskelinsuffizienz«.“

Dank Google Books kann man sich über den Begriff „aktiven Muskelinsuffizienz“ klug machen. Es fällt auf, dass „aktiven Muskelinsuffizienz“ über die nicht vollständige Verkürzbarkeit von Muskeln definiert wird. Kein Hinweis darauf, dass automatisch die Kraft abnimmt. Sie kann abnehmen.

(Auffallend fand ich, dass sehr viele Erklärungen der aktiven Muskelinsuffizienz, gar nicht auf die Möglichkeit des Kraftverlustes hinweisen. Zu meinem Glück fand ich dann doch zwei Stellen, die auf diese Möglichkeit hinwiesen.)

Liest man sich das Zitat in „Funktionelle Anatomie – Topographie und Funktion des Bewegungssystems“ von Michael Schünke durch, stellen sich mir einige Fragen.

  1. In dem Zitat kann man lesen: „Andererseits nimmt die Kraft eines Muskels nach starker Verkürzung deutlich ab.“
    Bloß was bedeutet das in der Realität? Ab was für eine Finger- und Handgelenksstellung tritt dieser Effekt ein? Dann wird noch in dem Zitat erklärt, dass je nach Dehnung man sehr viel Kraft aus dem Muskel holen kann.
  2. Muss ich das beachten, solange ich genügend Kraft und Kraftreserven habe?

Es gibt noch ein Problem bei dieser Handgelenksstellung. Die Extensoren – also die Muskeln, die den Fingerbeugern entgegenwirken – sind gemeinhin schwächer als die Flexoren.  Strebt man  das überstreckte Handgelenk an, haben wegen der mangelnden Vordehnung die Extensoren nicht die Möglichkeit der vollen Kraftentfaltung. Wäüre dann ein gebeugtes Handgelenk nicht schlauer, weil man soll ja den Schwachen helfen?

Einerseits warnt Offermann immer wieder vor der Schwächung von Muskeln durch Muskelinsuffizienzen und fordert die optimale Gelenkstellung ein, er vergisst aber, dass er dem antagonistisch wirkendem Muskel, der auch wichtig ist, schadet, weil für den ja dann die suboptimale Gelenkstellung besteht.

Das Problem beim Durchdringen dieses logischen Wirrwarrs, sind Begrifflichkeiten aus dem Physiologielehrbuch wie

  • entwickelt ein Muskel die stärkste Kontraktionskraft.
  • zu einer starken Kraftentwicklung
  • nimmt die Kraft eines Muskels …. deutlich ab

Denn es wird explizit nicht ausgesprochen, ob jede Art der Kraftausübung beeinträchtigt wird oder Kraftausübungen, die eine bestimmte Grenze überschreiten. Das bleibt im Unklaren.

Leider ist die Literaturliste in Offermanns Buch sehr spärlich (Er nennt nur zwei Anatomielehrbücher.) und er schreibt leider nicht so, sodass man nachvollziehen könnte, auf was für Quellen seine Aussagen und Schlüsse basieren.

Einen Begriff wie „Optimale Kraft“ halte ich für einen extrem erklärungsbedürftigen Begriff. Kraft hat physikalisch gesehen eine Richtung und einen Betrag. Ihre Wirkung kann nicht optimal sein oder ihre Erzeugung.

In unserem Fall stellt sich die Frage, kann ich eine bestimmte Kraft auf mehrere Arten und Weisen erzeugen?

Wenn nein, dann muss ich unter Umständen damit leben, dass ich meinem Körper schade.

Wenn ja, wie kann ich die gesundheitliche Schädlichkeit beurteilen? Aber dann bleibt immer noch die Frage, kann man die gesündeste Variante sinnvoll in den Spielablauf integrieren?

Letztendlich komme ich nur zur Erkenntnis, sollte ich nicht genügend Kraft haben, dann kann ich vielleicht mit der Veränderung von Gelenkstellungen genügend Kraft erreichen. Aber eine optimale Gelenkstellung zu benennen halte ich für sehr schwierig.

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Der Beitrag wurde am Freitag, den 24. Mai 2019 um 08:17 Uhr veröffentlicht von Stephan Zitzmann und wurde unter den Kategorien: Buchbesprechung, Forschung, Gitarre lernen, Gitarrentechnik, Gitarrenunterricht abgelegt. | Es gibt keinen Kommentar .