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Gitarrenunterricht in Frankfurt

Dipl.-Gitarrenlehrer Stephan Zitzmann

Verstoß gegen die Ideallinie – „Moderne Gitarrentechnik“ von Thomas Ottermann – Teil 2

Ich werde mich in diesem Artikel an Thomas Ottermanns Buch reiben, obwohl er in diesem Buch nie expressiv verbis sagt, was ich dem Buch vorwerfe.

Wie ich schon in dem Artikel Muskelinsuffizienz, Verstoß gegen die Ideallinie – „Moderne Gitarrentechnik“ von Thomas Ottermann schrieb, impliziert die Art des Schreibens von Ottermann eine sehr geringe Widerstandskraft des Handgelenks gegen „Fehlstellungen“ als andere mir bekannte Quellen, die sich mit diesem Thema Physiologie und Gitarre spielen auseinandersetzen.

Beim Lesen des Buches probierte ich einige Sachen aus und stellte fest, wenn ich versuchen würde die Ideallinie des Handgelenkes zu berücksichtigen, dass ich andere Probleme bekomme.

Zum Verständnis, wenn ich einen Vier-Finger-Aufsatz auf der h-Saite mache und mein Handgelenk so forme, wie es Herr Ottermann vorschlägt, dann

  • kann ich meine Finger nicht mehr so gut dehnen,
  • meine Finger sind weniger beweglich,
  • und ich bekomme die Kraft nicht mehr so gut auf das Griffbrett.

Zusammengefasst, meine Hand ist wesentlich verkrampfter, angespannter und ermüdet schneller als bei meiner nach Ottermann nicht idealen Haltung.

Man könnte sagen, das ist kein Beinbruch, denn jeder ist anders gebaut. Aber genau, dass könnte der Beinbruch sein, wenn man Ideallinien wie Herr Ottermann formuliert und sich sehr stark auf einen Faktor fokussiert.

Wie komme ich darauf? Zu der Zeit als ich das Buch von Ottermann las, bekam ich eine Schülerin, die einen neuen Lehrer*in wollte. Ich hatte nicht so viel an dieser Schülerin auseinanderzusetzen.

Bei unserem ersten Treffen dachte ich mir, eine leichte Daumenpositionsänderung könne die linke Hand entlasten. Die Reaktion der Schülerin war verblüffend.

Normalerweise neigt der Daumen bei Anfängern aus meiner Sicht der Dinge meistens zu hoch zu sein. Wenn ich Schüler*innen von anderen Lehrern bekomme, schiebe ich den Daumen gerne nach unten. Die Schüler kommentierten das bisher immer mit: „Ja, das wollte der alte Lehrer auch.“

Diese Schülerin, die anfänglich Autodidaktin war, war leicht verblüfft, weil die vorige Kollegin ihr den Daumen hochgezogen hatte. Meine Daumenposition war zwischen ihrer Autodidaktenposition und der Position der vorherigen Lehrerin.

Die Schülerin stellte aber auch verblüfft fest, dass die Hand jetzt lockerer war und dass sie leichter greifen konnte.

Dass dabei das Handgelenk, die physiologische Ideallinie leicht verließ, dem maß ich keine Bedeutung zu.

Natürlich sah ich mir auch die bisherigen Unterlagen der Schülerin an. Und da stieß ich auf eine Passage, die beschrieb, wie das Gewicht der Finger die Saiten herabdrücken würde. Diese Erklärung fand ich in einer hohen Ähnlichkeit auch in Ottermanns Buch. Ich bin mir aufgrund der Ähnlichkeit sehr, sehr sicher, dass meine Kollegin auf Ottermann zurückgegriffen hat.

Mir wäre diese Ähnlichkeit vermutlich gar nicht aufgefallen, wenn beide Erklärungen nicht von derselben physikalischen Fehlannahme über die Wirkrichtung der Schwerkraft ausgegangen wären.

Da die Schwerkraft nach unten wirkt und nicht zur Seite, kann das Handgewicht und Fingergewicht nicht die Saiten herabdrücken. Würde man die linke Hand nur der Schwerkraft überlassen würde sie vom Griffbrett wegkippen.

Dieses Koinzidenz hätte mich nicht weiter beschäftigt, wenn ich bei dieser neuen Schülerin nicht noch ein paar Mal bei bestimmten Situationen der linken Hand eingegriffen hätte und die Schülerin einerseits feststellte, damit würde es besser funktionieren, aber andererseits irritiert war, dass das Handgelenk nicht mehr gerade war.

Bei Nachfragen stellte sich heraus, dass die vorherige Lehrerin ziemlich strikt Abweichungen von einem geraden Handgelenk untersagt hätte.

Und damit hatte ich ein Problem. Denn die Kollegin hat ca. 10 Jahre später an derselben Hochschule wie ich studiert. Ich konnte mich nicht auf die Position zurückziehen, da hätte wohl ein unausgebildete Waldundwiesenlehrerin agiert.

Ich habe daraufhin meine Schüler beobachtet, mit mir experimentiert und bin zu dem Ergebnis gekommen, dass das Formulieren einer oder weniger Ideallinie vermutlich problematisch sein könnte, insbesondere wenn man das Abweichen von der Ideallinie mit körperlichen Schäden konnotiert.

Wie ich darauf komme, erkläre ich in den nächsten Artikel(n).

 

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Der Beitrag wurde am Freitag, den 14. Juni 2019 um 08:19 Uhr veröffentlicht von Stephan Zitzmann und wurde unter den Kategorien: Buchbesprechung, Eingeschoben, Forschung, Gitarre lernen, Gitarrentechnik, Gitarrenunterricht, Übemethodik abgelegt. | Es gibt keinen Kommentar .