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Gitarrenunterricht in Frankfurt

Dipl.-Gitarrenlehrer Stephan Zitzmann

Lilypond – Erfahrungsbericht

Auf meiner Reise durch die Welt der Notensatzprogramme bin ich bei Lilypond gelandet. Ich bereite mein Unterrichtsmaterial neu auf. Ich probierte Sibelius und Lilypond zugleich aus.

Die ersten intensiveren Versuche, was für ein Programm den sinnvoller sei, lies mich Lilypond wählen.

Warum? Der automatische Platzierungsmechanismus von Sibelius erzeugte bei meiner Problemstellung Ergebnisse, die für mich nicht brauchbar waren und das Druckbild von Lilypond mir deutlich besser gefiel. Auch entscheidend, das Notenbild war besser lesbar.

Um das Konzept hinter Lilypond zu begreifen, empfiehlt es sich die Lilypondseite zu studieren und vielleicht auch das LATEX-Konzept. Weil beide System verfolgen den gleichen Grundgedanken.

Aus eigener Erfahrung würde ich das System so übersetzen. Nutzer misch dich nicht im Detail ein. Gib Maßstäbe vor, wie deine Eingaben umgesetzt werden sollen. Das Programm rechnet dir dann das beste Ergebnis aus und du wirst zufriedener sein.

Dieses Konzept klingt vermutlich in vielen Ohren etwas eigenartig, aber aus meiner langjährigen Erfahrung habe ich solche System sehr zu schätzen gelernt. Insbesondere habe ich die Erfahrung gemacht, dass Eingriffe und Bestimmung des Details das Gesamtkonzept und Gesamteindruck empfindlich stören können.

Lilypond – das dürfte der größte Hemmschuh für viele sein – funktioniert extrem ungewöhnlich. Es funktioniert wie eine Programmiersprache.

Bei den mir bekannten Notensatzprogrammen drückt man eine Zahlentaste für den Notenwert und eine Buchstabentaste für den Notennamen. Dann erscheint die Note auf dem Bildschirm. Bei Lilypond steht nur die Zahl und der Buchstaben auf dem Bildschirm. Irgendwann drückt man auf eine Taste. Das Notenbild wird berechnet und als PDF-Datei ausgegeben.

Hört sich umständlich an, ist aber nicht unbedingt umständlich. Wer schon mal programmiert hat, weiß, dass es Werkzeuge gibt, um elegant und schnell mit so etwas zu arbeiten.

Ist Lilypond ein Zeitfresser in seinem ungewohnten Bedienungskonzept verglichen zu anderen Notensatzprogrammen?

In der Anfangszeit war ich mir nicht sicher. Man kann mit Lilypond sehr viele Dinge in einer Art und Weise automatisieren, sodass vieles schneller geht als in normalen Notensatzprogrammen, weil man sich für die immer wiederkehrende Aufgabe nicht durch mehrere Menüs durchwühlen muss. Doch bis man herausgefunden hat, wie man es automatisiert, das dauert.

Damit bin ich beim gravierenden Schwachpunkt von Lilypond. Ich habe schon mit einigen ähnlichen Konzepten gearbeitet.
Leider schneidet Lilypond im Vergleich dazu am schlechtesten ab.
●    Die Dokumentation ist nicht sehr ausgereift.
●    Die Syntax ist nicht sehr intuitiv.
●    Die Hilfsmittel formatieren den Code ziemlich unübersichtlich, sodass man sehr schnell ungewollte Syntaxfehler produziert, weil man man wieder mal ein Zeichen übersehen hat. Was dann wieder zu ewig langer Sucherei führt, wo liegt der Fehler.
●    Diese Fehlersuche verschlingt noch mehr Zeit, weil die Noten dann erst berechnet werden müssen, damit man sieht, ob die Veränderung den Fehler behebt. Teilweise verbraucht das Warten auf diese Berechnungen mehr Zeit als die Fehlersuche.

Sobald man ein Problem hat, rennt einem die Zeit wie Wasser durch die Finger.

Es gibt zwar eine sehr hilfreiche freundliche Community. Aber die ist sehr klein. Und es ist nicht jedermanns Sache sich permanent von derselben Person täglich bis stündlich helfen zu lassen, wobei man sich dann allmählich fragt, was für ein soziale Misere hinter der Person steckt, dass sie so hilfsbereit sein kann. Ich finde es auch nicht klug, auf so jemanden angewiesen sein zu müssen.

Kurz gefasst, der Grad meiner Hilflosigkeit war bei MySQL, PHP, Java oder VisualBasic deutlich geringer. Eigentlich war ich permanent auf die Hilfe des Lilypondforums angewiesen, was ich so nicht kenne.

Am Anfang dachte ich mir es wäre dasselbe , wenn ich bei Lilypond einen Codeschnipsel mit Sytaxvervollständigung eingebe oder in einem normalen Notensatzprogramm irgendetwas anklicke. Auf Dauer muss ich feststellen, es macht doch einen Unterschied.

Bei einer „normalen“ Nutzeroberfläche muss ich mir ungefähr den Ort mit dem ungefähren Namen merken, wo ich etwas eingebe. Nach mehrmaliger Nutzung ist der Weg klar. Bei Lilypond verzweifle ich immer noch, obwohl schon hundert Mal gemacht an der Syntax. Wobei ich mich bei Programmiersprachen sonst nicht so doof anstelle.

Ich möchte nicht wissen, was passieren wird, wenn ich nach monatelanger Abstinenz wieder mit Lilypond arbeite. Ob ich dann noch verstehe, was ich da gemacht habe?

In einem Beruf wie in meinem wird Lilypond auch noch aus einem anderem Grund ein Zeitfresser. Wenn ich nur meine Gitarrennoten machen würde, dann bräuchte ich 10 bis zwanzig wiederkehrende Aktionen. Das kann man lernen.

Aber ich muss auch schnell ein Arbeitsblatt für einen Schüler machen können, damit er einen bestimmten Sachverhalt versteht. Bei einer normalen graphischen Nutzerführung habe ich durch meinen vorigen Gebrauch schon viele Möglichkeit schon mal gesehen. Wenn ich etwas Neues machen will, weiß ich ungefähr wo ich hin muss. Bei Lilypond muss ich mir einen Befehl suchen, von dem mir meine Intuition nicht annähernd sagt, wie er heißt und wo ich etwas dazu finde. Also mal schnell was für einen Schüler zu machen, geht nicht.

Nach längerer Arbeitszeit mit Lilypond bin ich zu dem Ergebnis gekommen, Lilypond hat die gleichen Probleme, wie viele OpenSource-Projekte mit denen ich in letzter Zeit zu tun hatte. Auf den ersten Blick sehr potent. Auf den sehr langen zweiten Blick gibt es sehr viel kleine Fehler, die dann dazu führen, sich zu überlegen, ob die Nutzung auf Dauer sinnvoll ist.

Wer sich schon lange mit Computern beschäftigt, ist froh, dass manche Probleme schon seit Jahren verschwunden sind. Desto mehr war ich überrascht, dass ich auf Probleme gestoßen bin, die mich seit 10 Jahren nicht mehr geärgert haben. Sei es in der Bedienung oder Funktionsumfang.

Ich habe vor meiner Entscheidung für Lilypond viele Dinge in Lilypond nicht überprüft, weil ich glaubte, dass so etwas heutzutage kein Problem sein dürfte. Bzw. mir war nicht klar, dass so etwas noch ein Problem sein könnte.

Mein Fazit ist eigentlich, ich kann keinem Lilypond, der einfach nur mit einem Programm in einem professionellen musikalischen Kontext  arbeiten will, ansatzweise empfehlen. Eigentlich kann ich nur ausdrücklich abraten.

Die Gründe einerseits, dass ich auf die Hilfe einer ganz kleinen Gruppe angewiesen war, weil die Dokumentation so schlecht ist. Der andere Grund, ich habe auf Dauer Fehler entdeckt, von denen ich verblüfft war, dass es sie gab. Denn diese traten bei alltäglichen Sachen auf. Die Resultate kann man aber, wenn man professionell arbeitet, so nicht stehen lassen.

Bis ich herausgefunden habe, ob ich den Fehler gemacht hatte oder das Programm schuld war, dauerte es und es war nicht schlüssig zu beantworten. Die Methode zu finden, dass Vermurkste zu beseitigen nahm noch einmal viel Zeit in Anspruch.

Normalerweise schreibe ich dann Fehlerreports, aber bei Lilypond hatte ich dann schon so viel Zeit verloren, sodass ich mir die Zeit nicht mehr nehmen wollte und konnte, sondern endlich schon viel zu spät schlafen ging.

Teilweise fand ich bei meinen Lösungsrecherchen Hinweise, dass mein Problem ein altbekanntes Problem sei, aber immer noch nicht gelöst. Wobei ich mich frage, wenn man mit dem Slogan „Notensatz für Jedermann“ antritt, warum fällt es keinem auf, dass da eine Alltagsfunktion nicht sauber funktioniert und wenn es jemanden auffällt, warum ist die Alltagsfunktion in solch langen Zeiträumen nicht repariert worden.

Lilypond hat Schwächen, die man bei den formulierten Ansprüchen nicht haben darf, ohne als großmäulig oder hochstaplerisch dazustehen.

Letztendlich stehen Lilypond einfach zu wenig Ressourcen und ein zu kleiner Nutzerkreis zur Verfügung, sodass ein Werkzeug entstehen könnte mit dem die breite Masse effizient in einem musikalischen Berufsalltag, bei dem Notensatz eine Nebentätigkeit ist, arbeiten kann. Der Satz „Notensatz für jedermann“ wäre vermutlich, wenn es sich um ein kommerzielles Produkt handeln würde, irreführende Werbung.

Ich bin einer der wenigen in meinem Kollegenkreis der überhaupt, wenn auch nur ansatzweise Programmieren kann, also eher überdurchschnittliche PC-Kenntnisse hat und sogar einen gewissen Lustgewinn aus der Beschäftigung mit solchen Dingen zieht. Ich möchte nicht wissen, wie manch anderer mit Lilypond verzweifeln würde, der weniger interessiert und kompetent ist in PC-Dingen als ich. Für Lilypond gilt: Only für Nerds mit zu viel Zeit. und Musik als Hobby.

Diese Erfahrung veranlasst mich zu einem Hinweis. Bei Notensatzprogrammvergleichen geht es meist darum, wie richtig und wie schön die Noten gesetzt werden. Ob das gut oder schlecht von der Hand geht, scheint nicht die Frage zu sein. Bloß was hilft einem der schöne und richtige Notensatz, wenn man sich dafür die Nächte um die Ohren schlagen muss. Man kann diese Zeit für seine Schüler, Kunden etc. sinnvoller nutzen.

Ein weiteres Manko dieser Tests ist, dass irgendein Meisterwerk gesetzt wird, und man sich daran erfreut, wie nahe man an einer gestochenen Urtextausgabe ist. Bloß diese Tests sind nicht sehr aussagekräftig, weil sie aus wenig anspruchsvollen Standardsituationen bestehen. Wirklich interessant ist, wie sich ein Notensatzprogramm verhält, wenn der Standard verlassen wird.

Ein Beispiel. Es gibt die Vorgabe, dass Dynamikangaben auf gleicher Höhe stehen sollen. Das funktioniert fast immer, auch wenn das Notensatzprogramm, die Frage nicht einmal berücksichtigt. Erst bei klassischen Gitarrennoten fällt auf, was für ein Programm das kann oder nicht. Denn bei uns Gitarristen gibt es sehr viele Töne mit nach unten gerichteten Hälsen.

Mir ist jetzt kein Programm untergekommen, dass diese Frage wirklich gut erledigt. Aber bei manchen kann man das leicht bereinigen, bei anderen ist es sehr aufwändig. Liliypond gehört zu denen, die sich in dieser Frage als ausgesprochener Umstandskrämer erweisen.

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Der Beitrag wurde am Freitag, den 1. Juli 2016 um 08:19 Uhr veröffentlicht von Stephan Zitzmann und wurde unter den Kategorien: Notensatz, Software abgelegt. | Es gibt keinen Kommentar .