Wirkungsimitation
Ich habe jetzt eine lange Zeit versucht, herauszufinden wie man Steuerungsmechanismen beim Musizieren allmählich zurück bauen könnte. Für den Unterrichtsgebrauch ist mir nichts eingefallen, denn ich blieb in einer Art Technologiefalle hängen. Nichts davon ist für einen Schüler praktikabel.
Im Rahmen dieser Experimente fiel mir ein anderer Selbstversuch bei Verwendung von Playbacks auf, Nachspielen ist teilweise wirksamer als Mitspielen.
Ich hatte vor vielen Jahren eine Phase, da habe ich mir die Stücke runtergehört, die Noten davon geschrieben und dann das Stück geübt. Es gab eine weitere Phase, in der ich bei schon gut geübten Stücke, versuchte, die Phrasierung verschiedener Gitarrengranden zu kopieren.
Diesmal machte ich etwas für mich Neues. Ich machte mich mit der Motorik einer Passage vertraut, aber ignorierte vollkommen den Rhythmus. Ähnlich als würde ich Buchstabieren. Dann ließ ich mir die Abschnitte, die ungefähr Motivlänge hatten, vorspielen und spielte nach. Mich faszinierte, wie schnell musikalisch die Abschnitte wurden, dass ich im Nebenbei viele Dinge einfach in mein Spiel einflocht. Bei “Maria” von Tarrega übernahm ich, ohne groß nachzudenken die Artikulation. Da wurde ich stutzig.
Artikulation kam in meinem Gitarrenunterricht und -studium nicht vor. Aber in meinem Nebenfach Saxophon. Die Frage, in meinem Gitarrenunterricht, ob und wann ich denn meine Tonleitern artikuliert üben würde, löste eine gewisse Hilflosigkeit bei meinem Dozenten aus. Mein Saxophonlehrer war um so wilder auf Artikulation. Er hatte Lautstärkekurven, rhythmische Zeitpunkte, wann der Ton endete und eine entsprechende Silbe, die unterstützen sollte.
Ich bemühte mich um Einhaltung dieser Maßgaben. Diese Art des Nachmachens wurde ich den Begriff der “Steuerungsimitation” einführen. Man bekommt ein Set an Erzeugungsregeln, die sehr genaue und meist im physikalischen Sinne messbare Parameter haben. Man soll diese Erzeugungsregeln einzuhalten, um ein musikalisches Ergebnis zu erzeugen.
Dummerweise klangen meine artikulierte Stellen trotzdem schwerfällig und mein Saxophonlehrer war selten zufrieden. Er ritt dann weiter auf seinen Maßgaben herum. Ich stocherte und probierte weiter herum. Schön klang es selten.
Ich kann mich an verschiedene Situationen in meinem Studium erinnern, in welchen meine Lehrer sich beklagten, wie schwer es ist musikalischen Ausdruck anzuleiten. Es wäre leider nicht möglich genau zu übermitteln, wie laut und wann genau ein Ton (Mikrotiming) angeschlagen werden müsste. Ich habe das immer so aufgefasst, dass meine Dozenten der Ansicht waren, wenn man diese Parameter erfasst und übermitteln könnte, diese dann eingehalten würde, dann entstünde zwangsläufig musikalischer Ausdruck.
Bei meinen oben beschriebenen Selbstexperiment beiläufigen Phrasierungs- und Artikulationsimitationen kümmerte ich mich nicht um Parameter kümmerte, sondern erfreute mich daran, wie musikalisch Wirkung im nebenbei entstand. Das, was ich spielte, hatte dieselbe Wirkung auf mich wie das Gehörte. Also weil ich die Wirkung auf mich imitieren konnte, ging ich davon aus, dass ich die Sache erfasst hätte. Diesen Vorgang würde ich mit dem Wort “Wirkungsimitation” beschreiben.
Ich möchte damit nicht sagen, dass die Steuerungsimitation Unfug ist, sondern ein Problem in sich hat, bei dem die Wirkungsimitation ein starkes Hilfsmittel ist.
z.B. wenn ich einem Schüler sage, er möchte die Eins betonen, dann kommt meistens raus: BBUUUMM, zirp.
Ich spiele dann auch mehrmals vor. Aber Schüler*Innen realisieren, laut, leise. Das Ergebnis ist “BBUUUMM, zirp”. Es ist zwar erreichbar, dass es zu “bbuuumm, ZIRP” wird. Aber es klingt immer noch nicht musikalisch.
Bisher habe ich eine schlechte Antwort gegeben. Ich vergleiche die Situation mit einem Rezept. Wer sich stur an das Rezept hält und nicht abschmeckt, erhält selten ein richtig leckeres Ergebnis. Man müsse Abschmecken, denn man kann nicht davon ausgehen, dass die Zutaten in ihrem Geschmack identisch mit den Zutaten sind, mit denen das Rezept geschrieben worden ist. Bloß diese Erläuterung lässt vollkommen offen, was im Fall der Betonung “sehr lecker” bedeutet. Dementsprechend in der nächsten Stunde: “BBUUUMM, zirp”.
Wenn ich aber die Frage stellen würde, was hat das für eine Wirkung auf dich? Wie würdest Du die Wirkung der Betonung beschreiben? Wie fühlt sich die Wirkung in dir an? Was für eine innere Bewegung erzeugt sie in dir? Zwinge ich den Schüler zuzuhören und seine innere Reaktion auf die Musik zu beachten. Einerseits glaube ich, dass der Schüler genauer hinhört und sich den Klang besser einprägt, aber er bekommt einen Maßstab an die Hand, wann er in die richtige Richtung geht. Er hat den” Zwang” zur “Variation”, zum “Ausprobieren” und zum Zuhören.
Die Beschreibung der Betonung durch den Lautstärkenunterschied ist ungenügend, aber leicht wahrnehmbar. Die Folgen für das Mikrotiming sind schwer beschreibbar und fallen unter den Tisch. Wenn aber der Schüler die innerliche Bewegung, die durch die Betonung entsteht, wahrnimmt, und versucht diese in sich zu erzeugen und dabei erfolgreich ist, dann hat er auch das Mikrotiming und die Anschlagsstärken realisiert.
Also die Wirkungsimitation ist nicht der Gegenspieler der Steuerungsimitation, sondern ist ein Mittel ihre Probleme zu bewältigen.
Weiter dürfte sich folgendes Problem lösen. Wenn man nur die Steuerungsimitation beherrscht, muss man diese permanent anwenden. Was aber eine hohe kognitive Last ist. Bei der Wirkungsimitation ruft man sich die zum Beispiel die innere Bewegung ins Gedächtnis und ruft als Reaktion, die richtige Motorik auf. Also eine Form von Konditionierung.
Bloß das Entstehen dieser Konditionierung hat ein Problem.
Ich weiß, meine Schüler mögen das Zählen nicht. Jetzt habe ich aber das Experiment gestartet: “Du erarbeitest dir den Rhythmus mit Zählen.” Aber dann kam die Aufgabe: “Du kannst mir in der nächsten Stunde das Stück ohne Zählen vorspielen.” Es war schon fast witzig, wie manche sich dann plötzlich dagegen sträubten, nicht zu zählen. Einerseits waren diese Schüler der Überzeugung, dass eigentlich ohne Zählen spielen angenehmer ist, aber man möchte es ja richtig machen.
Also, die Steuerungsimitation gibt Sicherheit. Aber sich darauf einzulassen, denke an die Wirkung und hoffe, dass eine richtige Reizreaktionskette entsteht, braucht Mut.
Der Beitrag wurde am Freitag, den 19. Juni 2026 um 08:10 Uhr veröffentlicht von Stephan Zitzmann und wurde unter den Kategorien: Gitarre lernen, Gitarrenunterricht, Musikalität, Übemethodik abgelegt. | Es gibt keinen Kommentar .