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Gitarrenunterricht in Frankfurt

Dipl.-Gitarrenlehrer Stephan Zitzmann

Ein Schule vom alten Schlag

In dem Artikel über „Julio S. Sagreras Guitar Lessons Book 1-3″ schrieb ich, dies sei eine alte Schule vom alten Schlag. Ich kenne einige Schulen von diesem Schlag und wundere mich jedes Mal wieder, wie diese Schulen damals funktioniert haben sollen? Ich schreibe damals, weil all diese Schulen bis kurz nach dem Ende des ersten Weltkrieges entstanden sind.

Das Merkmal dieser Schulen ist, dass die Leistungsanforderungen in einem Tempo ansteigen, wie es heute bei weitem nicht gemacht wird und auch nicht gemacht werden könnte. Und dieses „nicht gemacht werden könnte“ beschäftigt mich. Ich gehe davon aus, dass man eine Schule so schreibt, wie es die Erfahrung vorgibt, weil man die Grenzen des Möglichen erkennt. Aber wenn dem so ist, dann bedeutet dies im Umkehrschluss, die Grenzen des Möglichen waren andere als heute. Deswegen ist die interessante Frage für einen Instrumentallehrer, hat sich im Unterricht etwas zum Schlechteren gewendet oder haben sich andere Faktoren geändert?

Während meines Studiums gab es zwar einen Abriss über die Geschichte des Berufes des Instrumentallehrers. Kernaussage kurz nach dem ersten Weltkrieg begann ein Bemühen diesen Beruf zu professionalisieren, um die Musik einer breiteren Bevölkerungsbasis im Sinne von Volksbildung zugänglich zu machen. Über was, was davor war, wurde nicht gesprochen.

Deswegen habe ich versucht mich zur Geschichte des Instrumentalunterrichtes schlau zu machen. Es ist mir nicht gelungen. Ich habe nur Literatur zur Geschichte der Musikerziehung gefunden. Mit Musikerziehung ist aber der Unterricht an den Schulen gemeint.

Doch aus diesen Berichten schimmert doch so manches durch, so dass ich diese Erkenntnisse unter dem Vorbehalt der Spekulation zusammenfasse.

Pädagogik ist ein Fachgebiet, das es erst seit kurzem (250 Jahre) gibt. Es entsteht durch die allgemeine Schulpflicht. Dadurch dass Bildung eine Aufgabe wird, die einen Großteil der Gesellschaft betrifft, entsteht eine Wissenschaft, die diese Aufgabe reflektiert, um diese zu bewältigen.

Das Tempo bis eine Erkenntnis sich in der Musikerziehung bildet und durchsetzt dauert sehr lange. Teilweise mehrere Generationen.

Da der Instrumentalunterricht eher ein Phänomen einer kleinen Oberschicht ist und erst deutlich später ein Massenphänomen, dürfte es so sein, dass diese Reflektionsprozesse über Sinnhaftigkeit von Konzepten wesentlich später einsetzen.

Der Musikunterricht in den Schulen war früher ein Gesangsunterricht. Die damals entworfenen Konzepte waren ziemlich an den Kindern vorbei. Bis das Wissen angesammelt war, dass sich dieser Zustand geändert hat, dauerte extrem lange.

Vermutlich leiden die Systematisierungsversuche des Instrumentalunterrichtes am gleichen Problem. Hat man noch keine Erfahrung und muss ein didaktisches System erstmalig entwerfen, dann passieren zwangsläufig viele Fehleinschätzungen. Interessanterweise kann man so etwas sehr häufig auch in den Instrumentalkursen bei youtube entdecken. Auch ziemlich an der Realität eines normal begabten Schülers vorbei. Begabte entwickeln Systeme für Begabte.

Verschärfend dürfte hinzukommen, dass es damals noch kein Instrumentarium zu der Fragestellung gab, worauf muss ich achten, wenn ich ein didaktisches System entwickle.

Dann dürfte aber auch die Bildungssituation eine Rolle gespielt haben. Den jungen Mädchen der Oberschicht wurde eine gymnasiale Bildung wie den Jungen verweigert. Die daraus entstehende Lücke wurde durch Bildung im künstlerischen Bereich gefüllt. Damit war entsprechender Übeaufwand verbunden, aber die Zeit schien dafür auch da zu sein.

Die Bereitschaft dem Üben so viel Zeit einzuräumen, dürfte auch durch ein Bildungsideal der Oberschicht ermöglicht worden sein. Das Kennertum (Dilettanten) auf künstlerischem Gebiet galt als Ideal und dem wurde entsprechend Zeit eingeräumt. Liest man entsprechende Romane dieser Zeit, fällt auf, wie viel Zeit die Menschen einer bestimmten Schicht hatten. Es wirkt so, als hätte man damals die Zeit für „Hobbies“ gehabt, die heute so mancher gerne hätte.

Lese ich mir die Vorwort und Texte der Carcassischule durch, scheint es auch so zu sein, dass sich diese Instrumentalschulen eher an Erwachsene als an Kinder und Jugendliche gerichtet haben.

Es gab zwar Akademien und Musikschulen. Diese dienten dazu, dem bürgerlichen Konzertbetrieb gut ausgebildete Laien oder Profis zu liefern. Um diese Anforderung zu erfüllen, braucht es ein gewisses Begabungspotential. Dieses Begabungspotential dürfte auch mit dem damaligen Lehrmaterial zu Recht gekommen sein. Das Lehrmaterial hat nolens volens die Spreu vom Weizen getrennt. Das dürfte aber bei der Intention dieser Ausbildung keinen gestört haben, denn es war ja nicht das Ziel, wie heute, allen Musik zu ermöglichen, sondern man wollte entsprechende Handwerkskunst erreichen.

Ich vermute aus dem Gelesenen, dass heute das Scheitern im Instrumentalunterricht auch anders definiert wird  als damals. Das Scheitern der Schüler wurde vermutlich nicht als Versagen des Lehrers gewertet. Damit bestand aber auch kein Anlass zur Verbesserung.

Letztendlich vermute ich, in den Instrumentalschulen spiegelt sich die Geschichte der Bildung wieder. Statt Bildung für Privilegierte, Bildung für alle und Anpassung an das Kind.

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Der Beitrag wurde am Freitag, den 19. Februar 2010 um 08:18 Uhr veröffentlicht von Stephan Zitzmann und wurde unter den Kategorien: Eingeschoben abgelegt. | Es gibt keinen Kommentar .