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Gitarrenunterricht in Frankfurt

Dipl.-Gitarrenlehrer Stephan Zitzmann

Wohlfühlen beim Üben?

Ich bin über den Podcast “Warum Wohlfühlen beim Sport so wichtig ist” von Deutschlandfunk Nova gestolpert. In diesem Podcast erklärt der Sportpsychologe Ralf Brand Aspekte, warum vielen Menschen es so schwerfällt, sich zum Sport zu motivieren. Da wird der Instrumentalpädagoge wach und hört zu.

Die Unterschiede zwischen Trainieren und Üben

Dass man ein Instrument spielen will, ist ein selbstgewähltes Ziel. Dass man Sport machen will, ist so wie in dem Podcast beschrieben ein fremdbestimmtes Ziel. Man muss trainieren, weil es gut für die Gesundheit ist.

Im Sport wird das unangenehme Gefühl wegen der körperlichen Belastung im Lauf des Trainings höher. Beim Üben sollte – man beachte den Konjunktiv – das unangenehme Gefühl geringer werden, weil die Dinge, also das Spielen besser wird.

Gesundheitssport ist eher extrinsisch motiviert, Üben sollte eigentlich eine intrinsische Motivation haben. Bloß die Probleme sind ähnlich.

Wie fühlt man sich beim Üben?

Eigenartigerweise ein Thema, worüber ich mich mit meinen Schülern noch nie so richtig unterhalten habe.

Ich habe jetzt einige Schüler daraufhin angesprochen. Die Reaktion war eigentlich eher eine positive. Aber ich habe mal trotzdem nachgedacht, was könnte beim Üben für negative Gefühle sorgen.

Die kognitive Last

Mir wird von vielen Schülern berichtet, dass sie die Anforderungen der kontinuierlichen Konzentration als herausfordernd empfinden. Liest man sich “Schnelles Denken, langsames Denken” von Daniel Kahneman durch, dann weiß man, dass das langsame Denken, energiehungrig ist und schwer aufrechterhalten werden kann. Also Üben ist geistig anstrengend.

Die körperliche Last

In verschiedenen musikmedizinischen Publikationen habe ich gelesen, dass manche Instrumente nicht so viel üben könnten, wie andere, weil die körperliche Belastung so hoch ist. Aber auch Haltungen sind belastend. Die Schwester einer Schülerin hat die Trompete aufgegeben, weil sie Probleme mit der Luft hatte. (Es sei dazu gesagt, dass die Schwester ein leicht vermindertes Lungenvolumen hat.) Weil es Zwillinge sind, hat diese Schwester von der Schwester etwas Gitarre gelernt. Gitarre spielen findet sie einen Klacks.

Persönlich würde ich aber auch sagen, die körperliche Inaktivität mancher Instrumente, z.B. Gitarre können als unangenehm empfunden werden.

Die emotionale Last vulgo Frust

Mir wird auch von Schülern mitgeteilt, dass man sich daran gewöhnen muss, dass beim Instrumentalspiel mehr Fehler passieren als man aus dem normalen Leben gewohnt ist. Also, es gibt mehr Gründe zur Frustration.

Aber es gibt auch andere Gründe. Ich habe eine Schülerin, die es hasst auf dem Präsentierteller zu sein. Sie übt deutlich weniger, seitdem die Familie umgezogen ist. Sie glaubt, die neue Wohnung wäre deutlich hellhöriger.

Beim Sport ist dem Vortrag zur Folge der Grund für das negative Gefühl die Belastung. Geringe Belastung wird als angenehm empfunden. Die mittlere Belastung wird unterschiedlich von den Probanden gewertet wird. Die hohe Belastung findet per se keine Freunde.

Leider wird in diesem Vortrag nicht erklärt, was die mittlere Belastung genauer ist. Nur dass die Belastung, über die Herzfrequenz bestimmt wird. Ob die Ermittlung der Herzfrequenz sportmedizinisch erfolgt ist oder über eine der Standardformeln berechnet worden ist, wird nicht erläutert.

Das ergibt ein Problem, was aber trotzdem hilfreich beim Nachdenken ist. Man könnte auf die Idee kommen, man probiert für sich selber aus, wie sich eine mittlere Intensität für einen selber anfühlt und dies mit dem Üben vergleichen.

So jetzt stelle ich mir einen Couchpotatokollegen vor und mich, der jeden Tag eine Stunde Sport macht und jedes Wochenende ca. 100 Kilometer Rad fährt. Für mich dürfte die berechnete mittlere Intensität, de facto eine schon fast leichte Belastung sein. Für den Couchpotatokollegen dürfte die berechnete mittlere Belastung schon eher im Bereich der hohen Belastung sein. Ganz anders, wenn wir uns beide sportmedizinisch unsere maximale Herzfrequenz feststellen lassen würden. Dann wäre jeder wirklich in seinem mittleren Bereich.

Daraus ergeben sich zwei Dinge. Also wir Lehrer können die vom Schüler empfundene Last nicht nachempfinden. Noch weniger einordnen. Denn es fehlen uns die Möglichkeiten, diese Faktoren wirklich genau zu messen. Sondern uns bleiben für die Sache zu grobe Annahmen. Und damit können wir das Üben nicht im angenehmen Intensitätsbereich halten.

Methoden mit der Belastung umzugehen

Ablenkung

Im Sport hilft sich von diesen negativen Gefühlen abzulenken. Empfohlen wird Musik zu hören. Dass dies beim Üben widersinnig ist, ist selbstredend. Aber man könnte z.B. ja Hörbücher hören. Dies ist aber, weil Üben Lernen bedeutet, auch kein Weg. Joggen zum Beispiel ist ja kein Lernprozess.

Selbstbestimmung der Qual

Interessant fand ich das berichtete Experiment, dass im ersten Teil des Experimentes die Probanden alle fünf Minuten bestimmen konnten, ob sie gleich, mehr oder weniger belastet werden sollen.

In zweiten Teil des Experimentes durften die Probanden nichts mehr bestimmen, aber sie durchliefen dieselben Belastungen, die sie im letzten Training selbst bestimmt hatten. Obwohl die Belastungskurve gleich blieb, wurde das nicht selbstbestimmte Training negativer und unangenehmer gewertet.

Also kann man den Schüler mehr Selbstbestimmung geben?

Als ich darüber nachdachte, fiel mir etwas anderes auf. Dies wird in dem Vortrag zwar erwähnt, aber vielleicht nicht als Hauptproblem genannt oder sogar erkannt. Wie findet man die Zeit?

Ein Schüler meinte mal zu mir: “Eigentlich wollte ich üben, aber dann war schon wieder Abend.” Vor kurzem fragte mich eine junge Schülerin, wie viel sie üben solle. Ich nannte meine Vorstellungen (30 Minuten pro Tag). Seitdem weiß ich, Augen können so groß werden, sodass das Gesicht zu klein ist.

Also Üben ist erst ein Mal ein Klotz, den man im Alltag unterbringen muss.

Das brachte mich auf eine Idee, Übezeiten steigern. Aber die Zahlen gehen nicht von mir aus, sondern sollen von den Schülern bestimmt werden.

Aber es könnte ein Problem geben. Aufgrund derselben Überlegung starte ich ein anderes Experiment im Unterricht. Ich ließ die Schüler bestimmen, wie groß der nächste zu bearbeitende Abschnitt sein soll. Kriterium, er soll locker beherrschbar sein. Ein Teil traf eine gute Wahl, der andere Teil wählte eindeutig zu viel.

Also änderte ich die Bedingung. Du musst den Abschnitt in so vielen Versuchen schaffen. Da wählten viel mehr Schüler angemessene Abschnitte. Aber es gab Schüler, die immer noch zu viel wählten und denen diese Fehleinschätzung herrlich egal war. Sie gingen teilweise gar nicht auf das Angebot ein, als klar wurde, das wird nichts, den Abschnitt zu kürzen. Diese Schüler wurden erst vorsichtig, als ich das Ganze in Form einer Wette verpackte.

Also bleibt die Frage, wie formuliert man eine Bedingung, sodass die Schüler eine vernünftige Wahl treffen?

Disclaimer: Im Hinterkopf befürchte ich aber, dass ich den Schülern damit die Möglichkeit auf dem Silbertablett liefere, genau mit den Gründen geringe Übezeiten vorzuschlagen, mit denen sie sonst ihr weniges Üben begründen.

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Der Beitrag wurde am Freitag, den 27. Oktober 2023 um 08:55 Uhr veröffentlicht von Stephan Zitzmann und wurde unter den Kategorien: Forschung, Gitarre lernen, Gitarrenunterricht, Übemethodik abgelegt. | Es gibt keinen Kommentar .