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Gitarrenunterricht in Frankfurt

Dipl.-Gitarrenlehrer Stephan Zitzmann

Tätigkeitsorientierte und zweckorientierte Motivation

In den Artikeln

hat sich rückblickend ein Gedankenmotiv heraus gebildet, für das ich jetzt geeignete Begrifflichkeiten gefunden habe, um besser und klarer formulieren zu können, was ich da in meinem Kopf herumwälze. Die Motivationspsychologie unterscheidet zwischen zwei Arten von Motivation für eine  Handlung

  1. Tätigkeitsorientierte: Der Tätigkeitsvollzug geht als solches mit positiven Affekten  einher. (z.B. Essen)
  2. Zweckorientierte: Es geht darum, einen Zweck zu erreichen, wenn auch die Handlung als solches unangenehm sein kann. (z.B. Abwaschen.)

Es geht um das Beziehungsgeflecht dieser zwei Motivationsformen im Instrumentalunterricht.  Dabei fällt mir etwas auf, von dem ich nicht weiß, ob es eine individuelle Wahrnehmung von mir ist oder ob dies ein grundsätzliches Phänomen ist. Wird im Instrumentalunterricht von Motivation gesprochen, geht es meist um zweckorientierte Motivation. Der Schüler soll etwas tun, um etwas Bestimmtes im Sinne der Musik zu erreichen.

Einige Stunden bevor ich diesen Artikel angefangen habe zu schreiben, hatte ich zufällig ein paar Hefte der Instrumentallehrerfachzeitschrift „Üben und Musizieren“ in der Hand. Fast immer geht es darum, wie forme ich den Schüler, dass er bestimmte musikalische Werte und Ziele erfüllt. In meinem Studium,  wie bekomme ich den Schüler dazu, dass er macht … .

Wenn man Formulierungen und Sprachduktus als Hinweis darauf betrachtet, wie ein Sachverhalt betrachtet wird, dann komme ich ins Grübeln, weil ich einen Mangel an Logik sehe.

Musik und  der damit zu vermittelnde Stoff ist entstanden, weil Menschen sich über Jahrhunderte tätigkeitsmotiviert mit Musik auseinandergesetzt haben. Die Schüler kommen zu uns, weil sie tätigkeitsmotiviert sind. Aber wir Lehrer und unsere pädagogische Literatur denken fast nur über zweckorientierte Motivation nach.  Die tätigkeitsorientierte Motivation ist meist nur ein Hilfsmittel um die zweckorientierte Motivation zu erreichen und zu fördern.

Es wirkt so, als wäre der Mensch für die Musik da und nicht die Musik für den Menschen. Alle Beteiligten sind tätigkeitsorientiert, aber man denkt über Zweckorientierung nach. Um Obelix frei zu zitieren: „Die spinnen, die Instrumentallehrer!“

Weil ich mich jetzt frage, ob ich ich mir hier etwas zurecht hypothesiere, bin ich darauf verfallen einen Online-Fragebogen  zu erstellen. (Ich bin noch an der Arbeit.) Aber ich habe einen Art Probelauf in der Usenetgruppe de.rec.musik.machen gemacht. Eine Gruppe bestehend aus begeisterten Hobbymusikern und einigen Profis. Bei den Fragen  sollte auf einer Skala von „-3“  für „gar nicht wichtig“ und „+3“ für „sehr wichtig werten“, warum man ein Instrument lernen wollte?

Es war mir wichtig gut auf meinem Instrument zu sein. Es war mir wichtig Freude an meinem Instrument zu haben Es war mir wichtig  Anerkennung durch das Spielen meines Instrumentes zu bekommen. Mir ist die Freude am Instrument wichtiger als mein Können. Mir ist das Können am Instrument wichtiger als die Freude.
-0,5 2,58 0,38 2,43 -1,7

Verblüffend für mich war, dass sogar das soziale Motiv wichtiger war als das Könnens-Motiv.

Weiter stelle ich Fragen, wie sich manche Motive entwickelt haben. Daraus geht hervor, dass bei dieser musikbegeisterten Gruppe im Laufe der Zeit der Fokus auf die Tätigkeitsorientierung zunimmt und das Gefühl von Fremdbestimmung beim Üben und Unterricht abgenommen hat.

Zurück zum Thema. Der Themenkomplex wird noch verzwickter, wenn man berücksichtigt, dass – so ebenfalls die Motivationspsychologie – ein Lerneffekt bei tätgkeitsorientierten Handlungen zwar zwangsläufig ist, aber eigentlich nicht angestrebt wird. Also eine Art Kollateralschaden.

Um das zu verstehen, muss ich auf den Begriff des Flows kommen. Eine Voraussetzung von Flow ist, dass Anforderung und Fähigkeit in einem bestimmten Verhältnis zueinander stehen.  Aber indem man im Flow handelt, steigen die Fähigkeiten. Deswegen gerät die Balance Fähigkeit und Anforderung ins Kippen und deswegen muss die Anforderung verändert werden. Daraus folgt, man lernt oder muss  Neues lernen, damit wieder eine Situation entstehen kann, in der Flow möglich ist.

Weil der Begriff Flow mittlerweile ein abgedroschener Modebegriff ist, versuche ich mal ohne diesen Begriff aus zu kommen. Irgendwann wird alles langweilig, also muss eine neue Anforderung her. Um Funktionslust erleben zu können, muss ich eine Zeit lang, die Frustration des Noch-Nicht-Könnens ertragen. Das bedeutet aber, der Schüler lernt etwas Neues.

In anderen Worten, man sollte die tätigkeitsorientierte Motivation nicht nutzen, um die die zweckorientierte zu fördern, sondern man benutzt die zweckorientierte Motivation um die tätigkeitsorientierte  Motivation zu fördern. Damit verändert sich aber auch die Zweckorientierung im Unterricht, es geht nicht mehr um die Erfüllung von außen gesetzte Ziele, sondern das erreichen dieser Ziele ist Mittel zum Zweck. Was natürlich auch nicht leicht ist, weil die entsprechenden Zusammenhänge nicht offenkundig sind.

Als Beispiel sei das Beherrschen der Notennamen genannt. Wer Notennamen beherrscht, erkennt leichter Strukturen, kann leichter über Musik nachdenken und sie dadurch wiederum anders bzw. intensiver erleben. Aber versucht man das einem Schüler zu erklären, wird es es zwar rein intellektuell nachvollziehen können, aber letztendlich ist es eine Situation, dass man einem Blinden die Farbe erklärt. Die sinnliche Erfahrung des Sachverhaltes fehlt dem Schüler, die ihn wesentlich überzeugen würde. Und über die Schwelle, dass der Schüler sich Dinge aneignet, damit er die sinnliche Erfahrung macht, muss man den Schüler auch erst bringen.

Falls jetzt jemand  glaubt, dass dies bedeutet, dass man mit dem Schüler nur Dinge macht, die ihm Freude machen, der irrt. Das dürft der beste Weg sein, ihm die Freude zu verderben.  Denn Fähigkeiten und Aufgaben müssen in einer bestimmten Balance stehen. Und wenn die Balance stark gestört ist, ist der Griff zum Lieblingsstück vielleicht sogar die falsche Wahl, weil dann das Missverhältnis erst Recht zu Tage tritt.

Vielleicht eine Geschichte von mir.  Ich habe angefangen Gitarre zu lernen mit dem Hintergedanken E-Gitarre zu spielen. Es gab aber damals auf meinem bayrischen Dorf keinen Lehrer. Also misshandelte ich in Eigenregie die Wandervogelgitarre meiner Großmutter. Irgendwann fiel mir ein Heft von irischen Tänzen für klassische Gitarre in die Hand. Irgendwie fingerte ich mir die Sachen zurecht und blieb dabei und „rutschte“ in die Klassik ab. Warum? Weil das ominöse „musikalische Erlebnis“ für mich befriedigender war. Das hätte keiner von mir gedacht.

Interessant ist festzustellen, dass die Flowforschung dieses Phänomen erklärt. Es ist eher entscheiden für den Flow, dass man geistig angeregt ist, als dass man Freude empfindet.

Die interessante Frage ist, bringen diese Erkenntnisse etwas für den Unterricht? Ich weiß es nicht. Ich vermute momentan, entscheidend ist, ob sich die Schüler über diesen Zusammenhang im Klaren sind. Ich habe bisher zwei Schüler darauf angesprochen. Ihnen war der Zusammenhang mehr oder weniger diffus klar. Aber sie meinten auch, obwohl es ihnen klar wäre, würde es ihnen trotzdem nicht helfen sich zum Üben aufzuraffen.

Aber andererseits erklärt sich mir dadurch, warum manche meiner Argumentationen so merkwürdig bei den Schülern versanden. Doch wenn ich diese Argumentationen so betrachte, stelle ich fest, dass ich eher argumentiere, die Musik, das Gitarrenspiel macht es nötig. Aber betrachte ich die Dinge genauer, könnte ich auch argumentieren, wenn Du dich um diese Dinge nicht kümmerst, wirst Du keine Freude an der Sache haben.

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Der Beitrag wurde am Freitag, den 1. Mai 2009 um 08:00 Uhr veröffentlicht von und wurde unter den Kategorien: Gitarrenunterricht abgelegt. | Es gibt keinen Kommentar .