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Gitarrenunterricht in Frankfurt

Dipl.-Gitarrenlehrer Stephan Zitzmann

Enharmonische Pedanterie

Aus irgendeinem Grund landete ich mit einem Schüler, der Student ist, beim Thema, dass man Töne nicht so einfach mir nichts dir nichts enharmonisch verwechseln dürfe. Das „bg“ etwas anderes sei als „#f“.

Dieser Schüler berichtete mir, dass ihm zu seiner Schulzeit dieses Verbot einer enharmonischen Verwechslung aus Bequemlichkeit die Musiktheorie sehr suspekt erscheinen ließ.

Glücklicher weise hatte ich gerade auf meinem Notenständer eine verminderte Septime #c und b aus dem Andante BWV 1003 Takt 21 liegen. Obwohl diese verminderte Septime, wenn man das b als #a schreibt, eine große Sexte wäre, empfindet man sie als Dissonanz.  Das b wird in das a aufgelöst.

Also ein Beispiel, das der Begründung entspricht, durch die richtigen Versetzungszeichen wird klar, was als Nächstes folgt.

Aber ich hatte dieses Thema mit den enharmonischen Verwechselungen schon öfters. Die Logik, durch die exakte Notation wird klarer, was harmonisch als Nächstes kommen wird, glauben meine Schüler mir. Aber wird nicht durch ihren Erfahrungshorizont gedeckt.

Als ich aber mir das oben erwähnte Beispiel mit dem Schüler durchsprach, fiel mir auf, wenn man auf das Verbot der enharmonischen Verwechslung verzichten würde, plötzlich unzählige Schreibvarianten ein und desselben musikalischen Sachverhaltes möglich ist und damit das Notenlesen sehr umständlich werden würde.

Als Beispiel diese zwei Varianten eines allbkannten Liedes.

 

Jetzt die richtigen Noten?

Ja es ist: „Alle meine Entchen“

Man könnte sagen, dass ist doch sehr konstruiert und nicht für den Alltag relevant. Stimmt. Mir ging es darum zu belegen, dass durch das Verbot der enharmonischen Verwechslung, Eindeutigkeit und Klarheit herrscht  und damit das Leben einfacher bleibt.

Doch wenige Tage, nachdem ich diese Beispiele konstruiert hatte, stolperte ich über ein Beispiel in Frank Skioras „Die neu Jazzharmonielehre“, dass durch Missachtung dieser Regel die Einfachheit und Lesbarkeit von Noten leidet.

Frank Skiora notiert den Verminderten (diminished) als „f-ba-bc-d“ statt  „f-ba-bc-bbe“.

Betrachten wir die zwei gleichen Klänge im Notenbild.

Beim ersten Notenbild sehe ich durch meine Notenleseerfahrung auf den ersten Blick, einen Dreiklang in Grundstellung mit hinzugefügter Sexte oder die erste Umkehrung eines Septakkordes.  „f- bc“  deutet schon den Verminderten an, also das „d“ ist keine hinzugefügte Sexte, sondern der Grundton. Also Do7 in erster Umkehrung. Aber warum steht diese erste Umkehrung hier unter den Grundstellungen? Und warum bezeichnet ihn Skiora als Fo7?

Dies erklärt er damit, im Jazz würde man sich nicht um die doppelten Versetzungszeichen kümmern, um das Notenlesen zu vereinfachen. Also das „bbe“ wird als „d“ geschrieben.

Hat er Recht damit? Interessante Frage.

Zuvor möchte ich aber erklären, wie ich das zweite Notenbild lese.  Als Erstes sehe ich einen Septakkord in Grundstellung. Durch Notenleseerfahrung sehe ich sofort die kleinen Terzen und weiß Fo7.

Was entsteht jetzt für ein Problem? Durch die Erlaubnis der enharmonischen Verwechslung von nur doppelversetzten Tönen, ist es nicht mehr möglich, die Akkorde schon allein durch ihr graphisches Erscheinungsbild einzuordnen.

Denn der Diminishedakkord in Grundstellung sieht einmal wie ein Dreiklang mit hinzugefügter Sexte aus, einmal wie ein Septakkord in Grundstellung. Das Problem stellt sich aber nicht nur beim Diminishedakkord, sondern auch z.B.  beim Dominantseptakkord. „C7″ und „bC7″. Es hängt vom Grundton ab.

Auch wenn man nicht das Notenbild betrachtet, die Frage, was ist denn jetzt gemeint, steht plötzlich im Raum.

In was für einem Beispiel erkennt man leichter, dass dieselbe musikalische Struktur chromatisch verschoben worden ist?

Ich würde sagen im zweiten Beispiel. Aber man könnte immer noch sagen, das sind Einzelfälle.

Das mag sein. Die Einzelfälle haben aber Folgen.

Auf den nächsten Seiten des Buches „Die neue Jazz-Harmonielehre“ kommen Lese- und Schreibübungen.

Durch die Regelungen Doppelversetzungszeichen werden nicht gemacht, sinkt mein Erkennungstempo gewaltig. Denn ich muss mir jetzt plötzlich überlegen, wie sind denn jetzt Töne, die man mit einer Doppelversetzung enharmonisch verwechseln könnte, wirklich gemeint?

Gibt es viele solcher verwechselbarer  Töne? Die bessere Frage ist, wie viele nicht verwechselbare Töne gibt es. Nur zwei, nämlich „#g“ und „ba“.  Bei ungewohnteren Strukturen steht immer wieder die Frage im Raum, ist das Thema jetzt relevant oder nicht. Das macht das Leben letztendlich deutlich schwieriger.

Ein paar Seiten später soll man Skalen schreiben. Frank Skiora weist dann ausdrücklich darauf hin, man möge doch in diesem Fall auf die Erlaubnis zur enharmonischen Verwechslung verzichten, damit der zu lernende Sachverhalt besser versteh- und nachvollziehbar sei.

Rein statistisch gesehen, sind die Fälle mit dem Doppelversetzungszeichen extrem selten. Aber schon die Erlaubnis diese enharmonisch zu verwechseln, stiftet Verwirrung und erschwert das Notenlesen und die Analyse.

Wie würde die Situation aussehen, wenn man auch noch erlauben würde, die Töne mit einfachen Versetzungszeichen  enharmonisch zu verwechseln?

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Der Beitrag wurde am Freitag, den 17. Januar 2014 um 08:52 Uhr veröffentlicht von Stephan Zitzmann und wurde unter den Kategorien: Musiktheorie abgelegt. | Es gibt keinen Kommentar .