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Gitarrenunterricht in Frankfurt

Dipl.-Gitarrenlehrer Stephan Zitzmann

Höranleitung

Ich drücke mal hie und da meinen Schülern CDs in die Hand, in der Hoffnung, ihnen was Gutes zu tun. Auf Grund der Gespräche daraus ist folgende Gehöranleitung entstanden.

Wenn Du neue unbekannte Musik hörst, ist vermutlich deine erste Frage: „Finde ich das schön oder nicht? Gibt es mir ein gutes Gefühl oder ein schlechtes?“ Je nachdem wie Du diese Frage beantwortest, hörst Du weiter oder nicht.

Da ich jetzt davon ausgehe, dass Du hauptsächlich Pop hörst, wirst Du viele Musik spontan ablehnen, weil das unter Umständen der falsche Zugang ist.

Ein Song erzeugt in dir vielleicht zwei bis drei Gefühle, die auch noch sehr ähnlich sind. Es gibt Musik, die in dieser Frage mehr tut. Aber das ist unter Umständen das irritierende für dich, was in Ablehnung umschlägt. Es beginnt schön, um dann wechselt plötzlich alles. Und Du stellst dir die Frage, was soll das, ich würde in diesem Moment so gerne verweilen.

Wenn Du dir einen Film ansiehst, sagst Du erst am Ende des Films, ob Du ihn gut fandest oder schlecht. Wichtig für diese Entscheidung ist, was für eine Geschichte der Film dir erzählt hat und wie dich diese Geschichte erreicht. Es ist aber dabei nicht so von Bedeutung, ob Du jeden Abschnitt des Filmes als schön empfunden hast, sondern ob die Reihung der Abschnitte, die Du unterschiedlich erlebt hast, eine Ganzes ergeben haben und dir eine sinnvolle Geschichte erzählt haben.

Den Gedanken, ob die Abfolge der Ereignisse ein sinnvolles Ganzes ergibt, kann man auch auf die Musik übertragen. Du musst dir aber die Gelegenheit geben, es zu erleben.

Nun wie geht diese andere Art des Hörens?

Zu erst, Du darfst die Musik nicht im nebenbei hören, sondern Du musst Zeit und Ruhe haben, um dich auf diese zu konzentrieren. Du selber solltest dich auch wohl und entspannt fühlen. Wenn dir zu viele Gedanken im Kopf herumschwirren, dann lass es. Weiter achte darauf, dass Du ungestört bist und bleibst.

Wenn Du die Musik hörst, versuche nicht zu reagieren mit, gefällt mir oder gefällt mir nicht, sondern versuche zu beobachten, was die Musik mit dir tut.

Erinnere dich, an das Filmbeispiel. Nicht jede Szene kann nur schön sein und von selber Art. Wenn Du einen Film anschaust, und dich bei jeder Szene fragst, ist sie schön und zur Bedingung machst, ob Du dir denn Film weiter ansiehst, dann dürftest Du bei den meisten Filmen nach spätestens einer halben Stunde rausgehen.

Deswegen versuche nicht darauf zu achten, ob dir gefällt, was Du hörst, sondern, was es dir vermittelt.

Achte also, wenn Du die Musik hörst, auf die Gegend in dir, in der Du normaler Weise deine Gefühle erlebst. Beobachte, was dort passiert. Vermutlich wirst Du feststellen, dass die Musik dort etwas auslöst und bewegt. Beobachte das einfach.

Ich persönlich bezeichne das Erlebte als Gefühlsgesten. Manche dürften sofort zu dir sprechen. Manche eher fremd, unvertraut oder rätselhaft sein.

Wenn ich diese Gefühlsgeste weiterdenke oder nachempfinde, bilden sich Körperhaltungen in meiner Vorstellung heraus. Körperhaltungen, die meist im normalen Leben nicht vorkommen, sondern höchstens auf Bühnen und Filmen. Sie symbolisieren Gefühlszustände oder sind Ergebnis von Gefühlszuständen, die in dieser reinen Form im Alltag nur selten vorkommen.

Weiter erlebe ich eine Umgebung dieses Körpers. Das Licht, das Wetter, innen außen. Surreale Räume, echte Räume, usw.

Ich persönlich beschreibe es so: „Ich höre darauf, was meinem Gefühl erzählt wird.“

Es ist keine konkrete Geschichte, die erzählt wird, sondern es laufen Gefühle ab, wie als würde eine Geschichte erzählt. Um noch einmal das Bild mit dem Film aufzugreifen. Der Film braucht eine konkrete Geschichte, um dich anzusprechen. Die Musik wendet sich unmittelbar an dein Innerstes ohne den „Umweg“ einer konkreten Geschichte.

In was Du diese Gefühlsgesten übersetzt, vermag ich nicht zu sagen. Viele sehen Bilder, erleben einen Film. Andere erleben einen Gefühlstrom, auf dem sie reisen. Die Möglichkeiten sind mannigfaltig.

Es kann sein, dass am Anfang in dir ein diffuses Wabern ist. Höre dir das Stück mehrmals an, bis die Dinge dir klarer werden.

Wenn Du das mehrmals gemacht hast, frage dich, ob man Musik auch nicht so hören kann und ob Du neues wertvolles dazu gewonnen hast?

Eine andere Möglichkeit wäre die Musik zu belauschen, wie man eine menschliche Stimme belauscht.  Du wirst sicherlich schon mal festgestellt haben, dass der Tonfall einer Stimme mehr über den Menschen verrät, als das, was er sagt. Höre dir die Musik mit der Frage an, was fühlt dieser Mensch, der zu mir in einer Sprache spricht, die ich nicht verstehe.

Aber Du wirst auch feststellen, du musst dir die Zeit dazu nehmen. Genauso wie Du dir die Zeit nimmst, dir einen Film anzusehen. Du findest es ja auch komisch, einen Film zu sehen und dein Zimmer aufzuräumen. So kann man ja keinen Film vernünftig erleben.

Mir ist klar, dass dieser Weg nicht jede Musik zugänglich macht. Denn Musikhören hat auch damit zu tun, was man über Musik weiß und was man an Musik erfahren hat. Wenn man mir jetzt indische Musik vorsetzen würde, würde mir dieser Ansatz auch nicht weiterhelfen.

Aber es geht darum, dass der Zugang zu Musik häufig durch die Erwartungshaltung und die Art der Wahrnehmung des Hörers verwehrt ist, als durch die Musik.

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Der Beitrag wurde am Freitag, den 11. April 2008 um 08:29 Uhr veröffentlicht von Stephan Zitzmann und wurde unter den Kategorien: Eingeschoben, Gehör, praktisch, Übemethodik abgelegt. | Es gibt keinen Kommentar .