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Gitarrenunterricht in Frankfurt

Dipl.-Gitarrenlehrer Stephan Zitzmann

Instrumentalunterricht vor 40 Jahren

Man wird älter und fängt an zurück zu schauen. Ja, ich frage mittlerweile dreißigjährige Menschen solche Dinge, wie: „Kennen Sie noch?“ Einerseits denke ich mir, es hat sich wenig geändert. Aber andererseits, wenn ich genauer hinsehe, dann hat sich doch einiges geändert. Deswegen eine kleine Erzählung, wie der Instrumentalunterricht vor 40 Jahren bei mir aussah.

Grundschulzeit auf dem bayrischen Dorf

Ich musste Klavier lernen, obwohl ich schon damals Gitarre lernen wollte.

Dazu wurde ein Herr Meyer vom Bahnhof des 5 km entfernten Nachbardorfes abgeholt. Nachdem er mich unterrichtet hatte, wurde er von den nächsten Eltern abgeholt. Auf diese Art und Weise machte er seine Tour durch das Dorf.

Das Dorf hatte damals 4000 Einwohner, aber weit und breit keine Musikschule.

Herr Meyer unterrichtete aber nicht nur Klavier, sondern auch

  • Akkordeon
  • Zither
  • Hackbrett
  • Gitarre
  • und Blechblasinstrumente.

Weil ich eine Stunde pro Tag als Erstklässler üben musste, was mich nicht interessierte, trat ich Anfang der zweiten Klasse voller Wut das Klavier kaputt.

Nach dieser Aktion war für Jahre jeglicher Instrumentalunterricht für mich gestrichen.

Mein Freund und Nachbar fuhr zum Orgelunterricht in die Kreisstadt, die dreißig Kilometer entfernt war. Da aber die Straßen noch nicht so gut ausgebaut waren und die Autobahn noch nicht gebaut war, war das noch ein größerer Aufwand als heute.

Heute gibt es quer über die Straße unseres damaligen Hauses eine Musikschule mit spezialisierten Lehrkräften.

Internatszeit in der Kreisstadt

Jetzt zurückdenkend, finde ich viele Dinge eigenartig.

Die Kinder aus der Stadt hatten Musikunterricht an der städtischen Musikschule. Es waren aber nur wenige. In meiner Klasse waren es drei oder vier Kinder.

Bei uns Internatsschülern sah das anders aus.

Drei Kinder meiner Altersstufe aus dem Internat lernten Geige beim Musiklehrer der Schule, der eigentlich Pianist war.

Obwohl dieses Internat sogar Musikräume hatte und wir an den Klavieren und dem Schlagzeug zugange waren, wurde uns kein Unterricht angeboten.

Wir waren in diesem Internat mehr als zweihundert Kinder und nebenan gab es ein zweites Internat. Aber es gab keinen Unterricht.

Jetzt frage ich mich, woran das lag? Hatten die Eltern nicht das Geld dafür und die Nachfrage war zu klein oder waren die Domspatzen schuld?

Wer intensiv Musik machen wollte, wie der Nachbarjunge, ging zu den Domspatzen. Voraussetzung Singen können und katholisch sein. Zweite Bedingung war von mir nicht erfüllbar. Aber diese „Singerei“ war mir sowieso suspekt.

Als ich die Gitarre aus der Wandervogelzeit meiner Großmutter ergattert hatte, fing ich an, mir Gitarre spielen selber beizubringen.

Meine Eltern beeindruckt von meinem Einsatz, waren dann doch bereit mir Gitarrenunterricht zu bezahlen.

Das Internat stellte sich auf den Standpunkt, wenn ich in die Musikschule gehen würde, würden sie das als Ausgang – der stark beschränkt war – rechnen. Und ich dürfte auch nicht während der Studierzeit (Hausaufgabenmachzeit) zum Gitarrenunterricht gehen.

Das Argument meiner Eltern, wenn das Internat nicht so etwas anbieten könne, solle sich nicht so ein Theater machen, zog.

Bloß es half nichts. Es gab keinen Gitarrenlehrer.

Also es gab schon einen. An der Musikschule der Stadt. Wartezeit mehr als zwei Jahre. Die Kreisstadt hatte damals schon 100.000 Einwohner.

Heute gibt es zwei große Musikschulen und eine Vielfalt an Gitarrenlehrern.

Das führte zur Situation, dass alle Gitarreninteressierten immer irgendwo zusammensaßen und uns gegenseitig zeigten, was wir herausgefunden hatten, weil wir alle keinen Lehrer hatten.

Als Gitarrenlehrer darf ich das nicht schreiben, aber ich habe als Autodidakt die Aufnahmeprüfung am Konservatorium bestanden.

Aber es gibt auch eine andere Geschichte. Einer meiner Internatskameraden dürfte eigentlich so ziemlich der mit Abstand begabteste von uns gewesen sein. Er musste manche Lieder nur zweimal von Platte hören und konnte sie ohne Unterricht gesehen zu haben auf dem Klavier spielen. Er war unser Gott.

Deswegen bekam er Klavierunterricht. Für ihn wurde organisiert, dass er im Internat Klavierunterricht bekam. Dem Rest wurde das nicht angeboten.

Jetzt kommt der extreme Teil der Geschichte, in dem aber deutlich wird, wie wenig Instrumentalunterricht in dieser Welt bedeutet hat

Leider war dieser Mitschüler psychisch etwas sehr labil. Die Reaktion auf seinen Selbstmordversuch in Verbindung mit einer Alkoholvergiftung war ihm als Erziehungsmaßnahme den Klavierunterricht zu untersagen. Durch den zweiten Selbstmordversuch bekam er ihn wieder.

Sogar bei dieser offenkundigen Extrembegabung gab es  keinen Widerstand oder Einsatz von Seiten des Internats, sondern die Entscheidung der Eltern wurde kommentarlos akzeptiert.

Der Wunsch dieses Kameraden Musik zu studieren, wurde als Spinnerei abgetan. (Er hat es trotzdem getan.) Der Rest von uns wagte gar nicht daran zu denken.

Nicht wagen, ist das falsche Wort. Es lag weit außerhalb unserer Vorstellungskraft. Da aus den Dörfern  der Region einige Spieler des FC Bayern kamen, schien uns das denkbarer als Musik oder Kunst zu studieren. Dass es ein Ausbildungssystem für Musiker gab, wussten wir nicht. Das kam auch in keiner Berufsberatung (Da war jemand mal zwei Stunden in der Schule.) vor.

Notenmaterial

In diesem Punkt hatte ich extremes Glück. Die Stadtbücherei. Dort gab es einen Meter Pop und Rocknoten und ca. einen halben Meter Noten für klassische Gitarre. Weil sonst hätte ich noch so viel wollen können und wäre doch mangels Material zu nichts gekommen. Denn Noten waren teuer.

Die Ausgabe von Villa Lobos Choro No.1 hat mich damals 18 Mark gekostet. Heute kostet sie 8 Euro. Zum Vergleich der Marsriegel kostet damals 60 Pfennige und jetzt 1 Euro und mehr.

Lehrwerke gab es keine. Außer dem unvermeidlichen Peter Bursch und die „Stunde der Gitarre“ von Andre Segovia.

Instrumente

Instrumente waren teuer. Nachdem die Wandervogelgitarre meiner Großmutter kaputt war, bekam ich eine neue Gitarre. Die kostete fast so viel, wie die Monatsgebühr des Internats. Es gab wenig billigere Gitarren.

Eigentlich wollte ich ja Jimi-Hendrix-II werden. Aber die billigste E-Gitarre hätte drei Internatshonorare gekostet. Der Verstärker wäre nicht dabei gewesen. Meine Eltern zeigten mir freundlich aber bestimmt den Vogel.

(Dies schreibend, frage ich mich, vielleicht haben auch so wenige ein Instrument gespielt, weil die Anschaffung deutlich teuerer war als heute.)

Deswegen verfiel ich auf die Idee, mir selbst eine E-Gitarre zu bauen. Die Schreiner des Dorfes erklärten mir, sie würden ihrer Bohrmaschinen für das Loch des Halseinstellstabs im Hals nicht hergeben. Denn bei der Bohrung könne höchstwahrscheinlich die Bohrmaschine kaputt geben. Deswegen gab ich auf.

Coda

Das Erzählte hört sich nach heutigen Maßstäben vermutlich für viele katastrophal an. Im Nachhinein finde ich, es hat aber so seine Vorteile gehabt.

Man hat uns zwar nicht gefördert, aber man hat uns auch in Ruhe gelassen. Wir hatten wegen der fehlenden Angebote auch viel Zeit, die rumgebracht werden musste.

Wer malen wollte, hat gemalt und wurde nicht gestört. Wer basteln wollte, hat gebastelt und wurde nicht gestört. Wer lesen wollte, hat gelesen und wurde nicht gestört. Wer Fußball spielen wollte, hat Fußball gespielt und wurde nicht gestört. Wer schreiben wollte, hat geschrieben und wurde nicht gestört. Hauptsache die Hausaufgaben waren erledigt.

Wenn wir unser Interesse verloren, hat das keinen interessiert. Man hat uns einfach sein lassen.

Auf Dauer haben sich unsere Neigungen ihren Weg gebahnt.

Letztendlich hat diese Erfahrung zu der Ansicht geführt, man muss kein Interesse erzeugen, sondern man muss finden, was einem wichtig ist.

Was einem wichtig ist, bemisst sich dadurch, was man für die Sache aus eigenem Antrieb tut und nicht was andere für ihn tun müssen, damit man das Interesse nicht verliert.

Oder wahres Interesse ist nicht so schnell tot zu bekommen.

Postscriptum

Die Geschichte mag sich vielleicht wie ein Beweis für die Theorie „Wenn man nur will, geht alles“ lesen.

Dem ist nicht so. Ein Glücksfall und die Finanzkraft meiner Eltern haben letztendlich bewirkt, dass ich mich in die Musikhochschule hinein üben konnte. Ohne das, wäre mir die Puste ausgegangen. Bzw. einem Zufall war es zu verdanken, dass ich überhaupt auf die Idee gekommen bin, Gitarre zu studieren.

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Der Beitrag wurde am Freitag, den 25. November 2016 um 07:56 Uhr veröffentlicht von Stephan Zitzmann und wurde unter den Kategorien: Gitarrenunterricht, Krimskrams abgelegt. | Es gibt keinen Kommentar .