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Gitarrenunterricht in Frankfurt

Dipl.-Gitarrenlehrer Stephan Zitzmann

Heinrich Schenker – Reduktionsanalyse

In dem Artikel „Solmisation und tonale Didaktik – Josef Karner (Buchbesprechung)“ habe ich das Analysesystem von Heinrich Schenker erwähnt. Der Wikipediaartikel hat mich auch nicht schlauer gemacht. Weiteres deutschsprachiges Material im Netz auch nicht.

Mittlerweile bin ich über ein englischsprachiges Buch schlauer geworden. Die Grundidee ist erstaunlich simpel.

Wenn man das Verhältnis von Thema und Variation  betrachtet, dann hat man schon das Wichtigste begriffen. Das Thema ist die Grundlage der Variation und schimmert in der Variation durch. Der nächste wichtige Gedanke. Variationen sind eine Auszierung des Themas.

Schenker geht davon aus, dass hinter jedem musikalischen Stück, in der Schenkerterminologie die „Oberfläche“ sich eine musikalische Idee verbirgt, die sich zueinander verhalten, wie Thema und ausgezierte Variation.

Man kennt das. Wenn man eine harmonische Analyse eines Stückes macht, dann hat man auch so ein Verhältnis.

Jetzt kommt das ungewöhnliche. Schenker versucht nicht die harmonische Struktur herauszuarbeiten, sondern einen mehrstimmigen Satz. Dieser mehrstimmige Satz entsteht durch eine ziemlich strikte Herangehensweise und ist in den Beispielen, die ich gesehen habe, immer zweistimmig.

Schenker streicht aus den einzelnen Stimmen, nach bestimmten Regeln Töne. In den mir vorliegenden Beispielen, wird meist nur der Außenstimmensatz beachtet.

Der Clou an der Geschichte ist, dass dieser sich ergebende zweistimmige Satz keine beliebig Ansammlung von Tönen ist, sondern den Regeln des Kontrapunktes entspricht.

Dabei belässt es Schenker nicht, sondern der entstandene Kontrapunkt wird wieder mit denselben Regeln reduziert. Das Ergebnis wieder ein zweistimmiger Satz, der den Regeln des Kontrapunktes entspricht. Darauf wird wieder das Reduktionsverfahren angewendet und das geht immer so weiter, bis es nicht mehr weitergeht. Dann hat man die sagenumwobene Urlinie des Stückes.

Schenker behauptet, es gäbe nur ein paar mögliche Endergebnisse.

Diese Urlinie bezeichnet Schenker als Hintergrund des Stückes. Die Zwischenstufen als Mittelschichten.

Ich bin persönlich momentan  etwas zwiespältig. Auf der einen Seite ist es faszinierend, dass eine sehr formalisierte und mechanische Analysmethode derenMittel ist Töne zu streichen, bei jedem Schritt wieder ein musikalisch sinnvolles Ergebnis zeigt. Wenn ich diese Technik auf ein eigenes Stück anwende, tritt der musikalische Mechanismus für mein Ohr klarer zu Tage, als wenn ich mir das Ergebnis der harmonischen Analyse vorspiele. Die andere Seite ist aber, dass ich den Eindruck habe, dass die Erkenntnisse, die bei dieser Analysetechnik herauskommen, denen herkömmlicher Analysen entsprechen. Die meistgefundene Urlinie entspricht T-D-T. Der Mittelteil des Satzes steht in der Dominante. Die Arbeit, die man sich machen muss, um zu dieser Urlinie durchzudringen und dann zu diesem harmonischen Zusammenhang zu kommen, ist gigantisch.

Die Frage ist, ist die gewonnene Erkenntnis den Aufwand wert.

Wer die Thesen aus der Kognitionspsychologie kennt, dass unsere mentalen Strukturen  biologisch schon vorgeprägt sind und damit aber auch die Struktur unsere geistigen Erzeugnisse vorbestimmt und prägt, wird bemerken, dass die Theorie von Schenker vielleicht ein weiterer Beleg für diese Theorie sein könnte.

Ob dieses Analysemodell unterrichtsrelevant sein könnte,  dazu werde ich in einem anderen Artikel etwas sagen.

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Der Beitrag wurde am Samstag, den 3. April 2010 um 17:05 Uhr veröffentlicht von Stephan Zitzmann und wurde unter den Kategorien: Musiktheorie abgelegt. | Es gibt einen Kommentar