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Gitarrenunterricht in Frankfurt

Dipl.-Gitarrenlehrer Stephan Zitzmann

YouTube der Rhythmuspädagoge

Hie und da treffen Dinge zusammen, die mich stutzig machen. Dass meine Schüler auf YouTube nach ihren Stücken schauen, weil das ein- oder zweimalige Vorspielen keine bleibende Erinnerung erzeugt, stört mich nicht weiter. Das finde ich sogar gut.

Aber jetzt ging es bei einem Schüler mal wieder um das Thema Zählen.  Zu diesem Schüler ist zu sagen, ich habe ihn im Verdacht, als die Bequemlichkeit verteilt wurde, muss er den Rest der Menschheit vom Topf der Bequemlichkeit sehr rabiat weggedrängt haben. Sein Einwand gegen die Mühen des Zählens war: „Warum muss ich Zählen können, ich kann mir das sowieso alles auf YouTube anhören.“

Just in derselben Woche meinte eine Mutter: „Ich habe meiner Tochter das Stück auf YouTube gesucht, aber das hat ihr nicht geholfen. Aber ihr Bruder bekommt demnächst einen Windowsrechner. Da geht ja dann ihr Notensatzprogramm und dann kann sie sich das anhören.“

Das Problem bei dieser Schülerin ist, sie kann extrem gut nach Gehör spielen und hat eine ausgeprägte Antipathie gegen das Zählen, wie die meisten, die sehr gut nach Gehör spielen können.  Aber trotz ihrer deutlich überdurchschnittlichen Fähigkeit ist die Unterrichtszeit deutlich zu kurz, um ihr das alles über das Gehör beizubringen.

In dieser Woche fielen mir Noten von Ralf Towners „Green and Golden“ in die Hand. Mir kam eine Stelle im Notentext merkwürdig vor. Also griff ich zu einer Aufnahme, um nachzuhören, was Ralf  Towner da wirklich spielt. Dabei stellte ich fest, dass Ralf Towner streckenweise andere Sachen spielte als im Notentext.

In diesem Stück wechseln sich die verschiedensten Taktarten permanent ab. Bei einer Stelle musste ich sogar die Taktart ändern. Sieben Achtel oder fünf Achtel. Ich überprüfte diese. Sie waren in der Aufnahme deutlich kürzer. Bloß durch die Agogik von Ralf Towner bin ich mir nicht definitiv sicher, ob ich die Pausen exakt notiert habe.

Dies ist jetzt nur ein extremes Beispiel dafür, dass Aufnahmen vom Notentext abweichen. Ich habe mal eine Phase gehabt, da habe ich Stücke mir runtergehört, um sie besser zu lernen. Also manches war wegen der Interpretation ziemlich schwierig zu notieren.

Letztendlich stellt sich die Frage, wäre das reine Lernen nach Gehör möglich. Kann man sich solche Dinge wie Zählen, Metronom sparen?

Es gibt Musikkulturen, in welchen alles auditiv übermittelt wird. Bloß diesen Musikkulturen ist gemein, dass letztendlich die Begabten unterrichtet werden. Ob so etwas in unserer Kultur, die sich einerseits der Musikalisierung der breiten Masse verschrieben hat und ein immenses Repertoire von Musikstilen besitzt, noch funktionieren kann, ist vermutlich nicht herauszufinden.

Aber wäre es wünschenswert, dass eine musikpädagogische Kultur entstände, in der einfach nicht mehr nötig ist, dass man sich einen Rhythmus selber erarbeiten muss.

Für mein Dafürhalten: Nein! Denn es entstünde eine breite Masse, die von einer Gruppe von Spezialisten abhängig werden würde. Weiter gäbe es das Problem, sich etwas Anhören können, bedeutet nicht zwangsläufig es korrekt nachspielen zu können. Und noch wichtiger, dies zu bemerken. Korrekte Wiedergabe wäre dann wieder das Vorrecht von Wenigen.

Aber ein Teil unserer Musikkultur basiert darauf, das neuerfundene Musik in Noten weitergegeben wird. Diese Art von Musik würde absterben.

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Der Beitrag wurde am Freitag, den 2. März 2018 um 08:30 Uhr veröffentlicht von Stephan Zitzmann und wurde unter den Kategorien: Gehör, Gitarrenunterricht, Musikalität, Rhythmus, Software abgelegt. | Es gibt keinen Kommentar .